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Analyse

Analyse: Der Westen hinkt dem Osten bei der AfD-Zustimmung nur knapp 4 Jahre hinterher

Der Versuch einer Analyse des AfD-Wahlerfolgs: Obwohl die AfD im Osten stärkste Kraft ist, bekommt sie am meisten Zugewinne im Westen. Die stärksten Sprünge macht die AfD in den Bundesländern, in denen sie bislang am schwächsten war. 20 Prozent der Wähler*innen gaben am Sonntag ihre Stimme einer rechtsextremen Partei. Wie konnte es so weit kommen?

Von Lisa Geffken, Lea Lochau, Una Titz und Jan Riebe

Wo die AfD besonders triumphiert hat

Nach wie vor ist die AfD in Ostdeutschland am stärksten und das mit Abstand. Doch nun lediglich auf den Osten zu schauen, wäre fatal. Denn auch im Westen holt die AfD auf. Teilweise sind die Zustimmungswerte in westdeutschen Bundesländern so hoch, wie in ostdeutschen bei der Bundestagswahl 2021. Die AfD holt hier also auf. So hatte die AfD in Mecklenburg-Vorpommern bei der Bundestagswahl 2021 ein Ergebnis von 18 Prozent erzielt. In Bayern, Rheinland-Pfalz, dem Saarland und Baden-Württemberg liegt die AfD bei dieser Bundestagswahl bereits über 18 Prozent, in Niedersachsen und Hessen liegt die AfD mit 17,8 Prozent fast genau auf dem Niveau von Mecklenburg-Vorpommern von 2021. Der Westen hinkt dem Osten bei der Zustimmung zur rechtsextremen AfD also nur knapp 4 Jahre hinterher und holt immer schneller auf.

Die verhältnismäßig größten Gewinne macht die AfD in den Bundesländern, in denen sie bislang am schwächsten war: In Nord-Westdeutschland, insbesondere in Niedersachsen (2025: 17,8 %; 2021: 6,1 %) und Schleswig-Holstein (2025: 16,3 %; 2021: 6,5 %). Im Vergleich zu 2021 hat die AfD in Niedersachsen und Schleswig-Holstein (+ jeweils knapp 140 %) ihre Ergebnisse mehr als verdoppelt. Der geringste Zuwachs ist in Berlin (+5,8 %) zu verzeichnen (2025: 15,2 %; 2021: 9 %). Beim konkreten Wahlergebnis hat die AfD im Westen am stärksten im Saarland (11,5 % mehr Prozentpunkte als bei der letzten Wahl; 2025: 20,8 %; 2021: 9,8 %), gefolgt von Rheinland-Pfalz (+10,9 %; 2025: 19,2 %; 2021: 8,8 %) und Niedersachsen (+10,4 %) zugelegt.

Die absoluten prozentualen Gewinne sind aber im Osten am stärksten: In Sachsen-Anhalt (+ 17,5 %; 2025: 37 %; 2021: 20,2 %), gefolgt von Thüringen (+14,6 %; 2025: 38,6 %; 2021: 23,7 %) und Brandenburg (+14,4 %; 2025: 32,5 %; 2021: 18,3 %). In Sachsen-Anhalt hat die AfD mit 37,1 % fast doppelt so viel Stimmen wie die zweitplatzierte CDU mit 19,2 % erzielt. Im Sommer 2026 wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt. Es wird sich zeigen, ob dann noch eine Landesregierung ohne die AfD möglich sein wird.


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Rechtsextreme Hegemonie im Osten: Kontinuitäten, fehlende Aufarbeitung und Glorifizierung der DDR

Rechtsextreme Wahlerfolge entstehen nicht über Nacht. Der österreichische Rechtsextreme Martin Sellner beschreibt in seinem Buch „Regime change von rechts“ die Strategie der extremen Rechten: Wahlerfolge sind nicht der Anfang der Machtübernahme, sondern deren Ergebnis. In Teilen Ostdeutschlands hat sich eine rechtsextreme Hegemonie verfestigt, die nun in Wahlergebnissen sichtbar wird.

Diese Entwicklung hat eine lange Vorgeschichte. In der DDR gab es keine ernsthafte Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Stattdessen wurde behauptet, mit der Abschaffung des Kapitalismus sei auch der Faschismus überwunden. Antisemitismus, Rassismus und autoritäres Denken blieben jedoch tief in der Gesellschaft verwurzelt. Juden wurden oft als „westliche Agenten“ diffamiert, die Shoah spielte in der offiziellen Erinnerungskultur kaum eine Rolle. Auch Vertragsarbeiter*innen aus sozialistischen Ländern wurden systematisch diskriminiert und isoliert.

Nach der Wende konnten sich rechtsextreme Netzwerke ungehindert ausbreiten. Die rassistischen Pogrome der 1990er Jahre, von Hoyerswerda bis Rostock-Lichtenhagen, waren direkte Folgen dieser Entwicklungen – und wurden vielerorts von Teilen der Bevölkerung toleriert oder gar bejubelt. Staatliche Stellen reagierten oft zögerlich, während Neonazi-Strukturen weiter wuchsen. Die AfD knüpft heute an diese lange gewachsenen ideologischen Muster an, die in manchen Regionen nie vollständig gebrochen wurden.

Besonders brisant ist, dass die AfD sich immer wieder positiv auf die DDR bezieht, vor allem auf ihre autoritären Strukturen und ihre nationalistische Abschottungspolitik. Führende AfD-Politiker*innen glorifizieren das Regime als „richtige Alternative“ zum heutigen demokratischen System und idealisieren die DDR-Grenzpolitik, die mit Schießbefehl und Mauer Opfer forderte. Gleichzeitig bedient die Partei DDR-Nostalgie, indem sie wirtschaftlichen Niedergang und soziale Unsicherheit nach der Wiedervereinigung allein dem „Westen“ zuschreibt – ein Narrativ, das in einigen Teilen Ostdeutschlands auf fruchtbaren Boden fällt.

Diese Strategie zeigt Wirkung: In Regionen, in denen in den 1990er Jahren Rechtsextreme dominierten, ist heute die AfD die stärkste Kraft. Die Partei nutzt gezielt das Gefühl vieler Menschen, nie wirklich im wiedervereinten Deutschland angekommen zu sein. Sie bietet eine einfache Erzählung: Der Westen habe die Ostdeutschen betrogen, die Demokratie sei eine „Lügenveranstaltung“ und nur eine starke nationale Führung könne Gerechtigkeit bringen. Damit knüpft die AfD nicht nur an rechtsextreme Kontinuitäten, sondern auch an autoritäre Prägungen der DDR an – ein gefährliches Zusammenspiel, das die Demokratie langfristig untergräbt.

Was den AfD-Erfolg antreibt: Die Ursachen im Blick

Die tiefen gesellschaftlichen Transformationsprozesse und die multiplen Krisendynamiken spielen der AfD in die Karten. Seit einiger Zeit sinken die Konjunkturprognosen für Deutschland, gleichzeitig steigt die Inflation. Laut Infratest dimap beurteilen 96 Prozent der AfD-Wähler*innen die wirtschaftliche Lage als schlecht, gefolgt von 90 % der Unions-Wähler*innen. Die AfD punktet offenbar bei Menschen, die ihre wirtschaftliche Situation als schlecht einschätzen.

Strukturschwache Gegenden, mit wenig Perspektive und viel Wegzug von jungen Leuten, gelten schon länger als Hochburgen der AfD im Osten und zuvor als Hochburgen von Neonazi-Parteien. Auch im Westen ist gut abzulesen, wo sie ihre Hochburgen hat – neben ländlichen Regionen auch in Großstädten wie Gelsenkirchen, Kaiserslautern und Pforzheim. Was die Gründe sind, dass es gerade diese und nicht (auch) andere Großstädte sind, liegt aber nicht immer direkt auf der Hand. Pforzheim war schon oft eine rechte Hochburg: In den 1960/70er Jahren für die NPD, in den 1990er Jahre für die Republikaner. Dieser „Vererbungseffekt“ reicht zurück bis in die Zeit des Nationalsozialismus. Im Osten sind aus den NPD-Hochburgen die der AfD geworden. Auch Pforzheim hat seit jeher eine aktive Neonazi-Szene, deren Präsenz zu einer Normalisierung rechtsextremer Ideologie in der Stadt geführt haben könnte.

Die AfD im digitalen Raum

Rund um die Bundestagswahl zeigt sich eine tiefgreifende Verzerrung der digitalen Meinungsbildung. Antidemokratische Kräfte setzten vorab kreativste digitale Strategien ein, um Einfluss auf das Wahlergebnis zu nehmen. Es wurden Wahlbetrugs-Desinformationen über Schattenaccounts und Unterstützernetzwerke verbreitet, virale Wahlsongs von Rechtsextremen als emotionale Hymnen eingesetzt sowie eher kitschige, KI-generierte Inhalte, die AfD-Nähe suggerieren. Unmittelbar nach der Wahl versuchen antidemokratische Kräfte, das Wahlergebnis bereits für sich umzudeuten und knüpfen damit nahtlos an einen rechtsextremen Digital-Wahlkampf an, der die entsprechenden Narrative, wie das vom Wahlbetrug, bereits sorgfältig vorbereitete. In der digitalen Wahlkampfarena zeigte sich vor allem TikTok als Meinungsdominanzplattform der AfD. Diese digitalen Angriffe vor und nach der Wahl sind kein Zufall, sondern organisierte Strategie. Sie dienen als Brandbeschleuniger für gesellschaftliche Enthemmung bei gleichzeitiger Vereinzelung und Einsamkeit. Sie bereiten den Boden für einen rechtsextremen Rollback, nicht nur im digitalen Raum und sind eine unverkennbare Gefahr für die Sicherheit unseres öffentlichen digitalen Diskurses.

Die AfD als die neue Arbeiterpartei?

Gelsenkirchen ist stark vom Strukturwandel betroffen. Viele Gemeinden in Südwestdeutschland, in denen die AfD teils ihren Stimmenanteil mehr als verdoppeln konnte, ebenso. So sind im Saarland viele von der Krise der Stahlindustrie betroffen. Besonders auffällig ist auch, dass die AfD unter den Arbeiter*innen und Erwerbslosen mit Abstand die meistgewählte Partei ist. Aber auch das ist nur eine Teilerklärung. Analysen und Nachwahlbefragungen zeigen, dass ein Hauptgrund die AfD zu wählen die Zustimmung zu deren nationalistischen, rassistischen und rechtsextremen Agenda ist. Es spielen also viele Aspekte eine Rolle, um den Wahlerfolg zu erklären, regionale Unterschiede müssen dabei stets berücksichtigt werden.

Alarmierende Normalisierung rechtsextremer Ideologien

Mit dem Erfolg der AfD geht eine immer schneller werdende Normalisierung ihrer rechtsextremen Inhalte einher. Das zeigt sich auch in der Sprache. Und auch die Hemmschwelle, rechtsextrem zu wählen, sinkt rapide. Bis zu 33 % der Wählenden haben schon darüber nachgedacht, die AfD zu wählen. Dass sie trotz der schrecklichen Terroranschläge in Magdeburg, Aschaffenburg und München in den letzten zwei Monaten kaum noch zulegen konnte, zeigt aber auch, dass kein Automatismus in einer immer stärker zulegenden AfD besteht.

Zivilgesellschaft unter Druck: Ihre Rolle in dieser entscheidenden Zeit

Noch nie war die extreme Rechte seit Gründung der Bundesrepublik so stark gesellschaftlich verankert und akzeptiert wie aktuell. Dennoch ist die Demokratie gefestigt. Das ist auch ein Verdienst der vielen Menschen, die sich täglich in Vereinen und Verbänden für Demokratie und gegen Rechtsextremismus einsetzen. Doch die Zivilgesellschaft gerät zunehmend unter Druck. Ohne sie gibt es keine funktionierende Demokratie. Die extreme Rechte weiß das und greift sie daher mit aller Macht an.

Rund 48,5 Millionen Wahlberechtigte (82,5 %) haben ihre Stimme abgegeben. Es war die höchste Wahlbeteiligung seit 1990. Davon wählten etwa 10 Millionen die rechtsextreme AfD. Gleichzeitig hat die Mehrheit Parteien gewählt, die sich für demokratische Werte einsetzen. Auffällig ist auch, dass der sogenannte radical right gender gap – die These, dass Männer bevorzugt extrem rechte Parteien wählen – kleiner wird. 24 % der Männer wählen die AfD und 18 % der Frauen. Mit 12 % Zuwachs bei Männern und 10 % Zuwachs bei Frauen ist der radical right gender gap relativ gering. Auch die Einstellungsforschung (Autoritarismus- und Mitte-Studie) bestätigt, dass Geschlecht bei ideologischer Einstellung keine besondere Relevanz hat. Dennoch wählen junge Frauen progressiver, wie die Wahlergebnisse der Linken zeigen. Der größte Unterschied besteht wohl zwischen älteren Männern auf dem Land und jungen Frauen in Städten.

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